Nun mahnen zwei Glocken an den Frieden

In Rädigke wird am 1. September – dem Weltfriedenstag – nach mehr als 100 Jahren eine zweite Friedensglocke zum Gottesdienst rufen und gleichzeitig zum Frieden mahnen. Es ist jene Glocke, die am Dienstag in den Glockenstuhl der Kirche einzog und nun wieder jene Leerstelle füllt, die Jahrzehnte bestand. „Das ist mir wichtig. Es ist eine Art Wiedergutmachung“, sagte Rädigkes Pfarrer Matthias Stephan nachdenklich. Denn im Kriegsjahr 1917 waren beide Glocken vom Kirchturm geholt worden, um sie für die Rüstungsindustrie einzuschmelzen. Eine große Glocke kam 1922 zurück, seinerzeit aus dem thüringischen Apolda.

„Damals sind bei unseren Vorfahren vermutlich Tränen der Trauer geflossen, heute können wir mit Freudentränen wieder eine zweite Glocke einhängen“, sagte Pfarrer Matthias Stephan während der Andacht auf dem Hof der Gastwirtsfamilie Moritz. Denn Glocken künden vom Frieden, sie rufen die Menschen zusammen in Freud und Leid.

Der Belziger Kantor Winfried Kuntz hat es ermöglicht, dass die Rädigker Glocke eine „kleine Schwester“ bekommen hat. „Ich wollte immer eine Glocke besitzen, eine die im Garten hängen sollte“, erzählt er. Und als nun die traditionsreiche Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer als fünftletzter Betrieb seiner Art eingestellt wurde, stieß Kuntz bei einem Besuch dort auf zwei Restglocken. Jene, die eigentlich für eine Kirche in Sachsen bestimmt war und nicht abgeholt wurde. Schnell wurde man sich handelseinig. Seither ist Wilfried Kuntz stolzer Glockenbesitzer.

Und da die 200 Kilogramm schwere Bronzeglocke klingen soll, hat der Glockenkenner seinen Besitz als Dauerleihgabe an die Rädigker Kirchengemeinde weitergegeben. Sie wiederum weiß um die wertvolle Gabe und sammelte gut 4500 Euro ein, um das Werk vollenden zu können. So konnte die Glocke an einem Kran hinaufgezogen, ein neues Eichenholzjoch und ein neuer Klöppel angefertigt und die Montage finanziert werden. Etwa den gleichen Betrag wendete Kuntz für den Kauf auf.

Ein großer Autodrehkran aus Michendorf übernahm die gewichtigen Arbeit. Zwei Helfer von der Heidenauer Glockenläute- und Elektroanlagen GmbH übernahmen und zogen die Glocke im Durchmesser von 80 Zentimetern in den Turm und platzierten sie im Glockenstuhl der Rädigker Dorfkirche.

Viele Dorfbewohner und einige Besucher – einige sogar aus dem Landkreis Tauberbischofsheim – hatten sich zu dem Zeremoniell eingefunden. Pfarrer Matthias Stephan weihte die neue Glocke mit dem Ton „Klein D2“. Zuvor hatten die Kirchenältesten, Sebastian Moritz und Jürgen Räbiger, das 200 Kilogramm schwere Stück auf einen Wagen vom Gasthof Moritz auf den Kirchhof gezogen. Zum feierlichen Akt trug Bernd Fredrich völlig spontan zwei passende Gedichte bei, u.a. „Bim,Bam, Bum“ vom Christian Morgenstern.

Pfarrer Matthias Stephan war am Ende sehr dankbar für die gelungene Aktion der Rädigker und ihrer Helfer sowie für die Dauerleihgabe von Winfried Kuntz. Matthias Stephan lud zum Gottesdienst am 1. September, wenn nach 102 Jahren erstmal wieder zwei Glocken in die Kirche rufen.

Author: Gunnar Neubert

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