Die Zivileinwohner zu Niemegk 1840

Die „Liste der sämmtlichen Civil-Einwohner zu Niemegk“ der Niemegker Stadtakten aus dem Jahre 1840 ist ein wichtiges Dokument zur Wirtschafts- und Sozialstruktur der Stadt. Sie ist aber auch eine Fundgrube für Ahnenforscher. Die Stadt hatte versucht über einen sehr kurzen Zeitraum (Dezember) alle Bewohner der Stadt zu erfassen. Straßen sind nicht angegeben, weil die Häuser der gesamten Stadt noch immer durchnummeriert waren. Begonnen wurde am „Kloster“ mit der Nummer 1. Die Liste befindet sich im Kreisarchiv Belzig (KAB) unter der Signatur F 40. Im Einleitungsschreiben heißt es:

„Liste der sämmtlichen Civil-Einwohner zu Niemegk
aufgenommen von No. 1 bis 24 am 9ten Decbr.                           (Nebenstehend Ort, Datum
von No. 25 bis 60 am 10ten Decembr.                                           und Unterschrift des
von No. 61 bis 120 am 11. Decembr.                                             Beamten welcher die
von No. 121 bis 168 am 14. Decembr.                                           Liste aufgenommen
von No. 169 bis 215 am 19. Decembr.                                            hat.)
von No. 216 bis 300 am 21. Decembr.
von No. 301 bis 367 am 22. Decembr.

Die Richtigkeit der Liste nach den Angaben der Haubesitzer wird verbürgt von dem Bürgermeister Jaenichen, welcher sie aufgenommen hat.
Bemerkungen
Diese Liste wird für jeden Ort besonders dergestalt aufgestellt, daß solche nach den Häusern oder Besitzungen geordnet, den Vor- und Familien-Namen aller im Orte, beziehungsweise Besitzung, zur Zeit der Aufnahme sich aufhaltenden oder sonst nach den desfalls aufgestellten Grundsätzen (cf. Amtsblatt 1840, Seite 332 und 333) zu den Ortseinwohnern zu rechnenden Personen ergiebt.
Bei der von Haus zu Haus, beziehungsweise von Besitzung zu Besitzung, nach einander vorzunehmenden Zählung der Ortseinwohner ist die Liste auf der Stelle nach Anleitung der Unterschrift in den Spalten und das mit Amtsblatt von 1840 Seite 336 abgedruckten Musters auszufülllen. Die zu einer Haushaltung oder Familie gehörigen Personen sind hintereinander aufzuführen, zuerst der Hausherr, oder die Hausfrau. Ist ein Haus von mehreren Familien, oder einzelnen selbstständigen Personen bewohnt, so ist jeder mit Buchstaben (A, B, C. u. s. w.) zu bezeichnen und zuerst der Eigenthümer des Hauses, wenn er in demselben wohnt aufzuführen.“ Es folgen Hinweise zur Erfassung der Religionen und zur Form.

Die laufende Nummerierung reicht bis 2223 Personen in 364 Häusern. Zwei Einwohner sind katholisch, alle anderen evangelisch. Die ältesten Einwohner sind mit 89 Jahren die Witwe Johanna Sophia Küstenmacher geb. Müller (eine direkte Vorfahrin des Autors), und der Auszügler Gottfried Haseloff. Erfasst sind insgesamt allerdings 2229 Einwohner, da einige Personen nachträglich und ohne Datierung eingeschoben wurden. Bei diesen fehlen teilweise Angaben zum Alter und zur Religion. Erfasst wird tabellarisch, wie das Beispiel der Familie des Heimatdichters Niendorf zeigt.
Die 6. Spalte „Religion (bei Juden wird bemerkt, ob sie das Staatsbürgerrecht haben oder nicht.“ und die 8. Spalte „Datum der Aufnahme. Bemerkungen“ wurden aus Platzgründen weggelassen.

Laufende      Bezeichnung des Hauses     Vor- und Familien-Namen der                  Stand und            Lebensjahr,                         Zahl der
No.               der der Besitzung                sämmtlichen Bewohner eines                   Gewerbe.              worin jeder                         Bewohner
jeden Hauses, einer jederBesitzung                                       Einzelne sich                       eines jeden Hauses

(unter fortl. Nummer anzugeben).                                         befindet.

187                    31                                   1. David Niendorf                                     Ackerbürger               75
188                                                           2. Emilie geb. Kirsten                                dessen Ehefrau          39
189                                                           3. Wilh. Niendorf                                          „       Sohn              25
190                                                           4. Anton Niendorf                                        „           „                 15
191                                                           5. Laura Niendorf                                         „        Tochter          13
192                                                           6. Friedr. Bussler                                        Knecht                       25
193                                                           7. Glieb. Bussler                                         desgl.                         15
194                                                           8. Chrne Schönfeld                                    Magd                         24
195                                                           9. Friederike Rabe                                      desgl.                        20
196                                                         10. G… Fr. W. Besenbiel                               Küster-Adjunct          27
197                                                         11. Herm. Rauch                                          Lehrer                        21                                           11

Nichthandwerklichen Berufe sind in alphabetischer Reihenfolge:
27 Ackerbürger, 1 Apotheker, 1 Arzt, , 2 Barbiere, 2 Branntweinbrenner, 1 Braumeister, 1 Bürgermeister, 2 Fuhrmänner, 2 Geistliche (Oberprediger und Diakon), 1 Gendarm, 4 Grützmacher, 1 Gutsbesitzer, 139 Handarbeiter, 24 Handelsmänner, 4 Hirten, 1 Justizkommissar, 1 Kämmerer, 5 Kaufmänner, 31 Knechte, 6 Lehrer (darunter Kantor und Küster), 6 Musiker (1 Stadtmusiker, 1 Gehilfe, 4 Lehrlinge) 2 Nachtwächter, 1 Oberstleutnant, 1 Ratsdiener, 1 Schreiber, 1 Tagelöhner. Die Gruppe der Handarbeiter und der Tagelöhner wird nicht weiter defininiert. Andere Quellen geben hier Berufe an wie Totengräber, Besenbinder, Grützmacher und sogar die Branntweinbrenner.

Frauen sind zu der Zeit mit dem Haushalt und den Kindern völlig ausgelastet. Sie arbeiten daher eher selten in anderen Berufen und meist nur dann, wenn es die Not gebietet. Sie sind
meist Witwen oder alleinstehend: 1 Aufwärterin (Witwe), 1 Bothenfrau (Witwe), 3 Näherinnen (2 alleinstehend, 1 Witwe), 1 Spinnerin (Witwe). Eine Sonderrolle nehmen die 66
Mägde ein. Hier handelt es sich in der Regel um Mädchen, die sofort nach der Schule „in Stellung“ gegeben werden.

In echten Handwerksberufen tätig sind in alphabetischer Reihenfolge:
13 Bäcker (9 Meister, 1 Geselle, 3 Lehrlinge), 1 Beutler, 7 Böttcher (6 Meister, 1 Lehrling), 1 Büchsenmacher, 2 Drechsler (2 Meister, 1 Lehrling), 3 Färber, 1 Gerber, 4 Hutmacher (3 Meister, 1 Geselle), 3 Korbmacher (2 Meister, 2 Geselle), 3 Kürschner (2 Meister, 1 Geselle), 3 Maler (1 Meister, 2 Gesellen), 23 Maurer (3 Meister, 19 Gesellen, 1 Lehrling), 1 Muldenhauer, 9 Müller (4 Meister oder Besitzer, 5 Gesellen), 3 Nagelschmiede (2 Meister, 1 Geselle), 1 Orgelbaumeister, 1 Riemer, 6 Sattler (5 Meister, 1 Lehrling), 9 Schlächter (7 Meister, 2 Lehrlinge), 1 Schleifer, 6 Schlosser (3 Meister, 3 Lehrlinge), 9 Schmiede (6 Meister, 4 Gesellen), 25 Schneider (17 Meister, 3 Gesellen, 5 Lehrlinge), 27 Schuhmacher (19 Meister, 5 Gesellen, 3 Lehrlinge), 1 Seifensieder, 8 Seiler (4 Meister, 3  Meister zugleich Kaufmann, 1 Geselle), 11 Stellmache (7 Meister, 3 Gesellen, 1 Lehrling), 14 Tischler (8 Meister, 5 Gesellen, 1 Lehrling), 10 Töpfer (8 Meister, 2 Gesellen), 5 Tuchmacher (2 Meister bzw. Fabrikanten, 2 Gesellen, 1 Lehrling), 98 Weber (69 Meister, 13 Gesellen, 16 Lehrlinge) 29 Zimmerleute (8 Meister, 21 Gesellen).

Im Ruhestand leben 34 Auszügler (Männer und Frauen), 4 Pensionäre (1 ohne Angabe, 1 Förster, 2 Rektoren) und 3 Hospitalisten (Kranke oder Arme im Hospital). Der Stand des Auszüglers war eine offizielle Angelegenheit, denn er wurde durch einen Vertrag vor dem Rat oder dem Magistrat zwischen Kindern und Eltern geregelt. Bei drei nachgetragen Personen fehlen Alter und Stand. Erwähnenswert ist hier Gottfried Bencke/Benche mit dem Stand „der Stummler“ im Haus des Webers August Schulze.
Offensichtlich leidet er an einer Behinderung.

Insgesamt werden bei 94 männlichen Personen im Alter von einschließlich 15 bis 83 Jahre keine Berufe angegeben. Bei 15 Personen wird als Stand Schwieger- bzw. Stiefvater oder einfach Vater angegeben. Sie üben keine Arbeit aus und fallen auch nicht unter die Auszügler. Sie leben ungeregelt in
den Familien mit.
52 – 59 Jahre 4 Personen
60 – 69 Jahre 8 Personen
70 – 79 Jahre 2 Personen
83 1 Person
Davon wird bei 79 Personen als Stand Sohn, Stiefsohn, Kind oder Stiefkind angegeben. Auch sie gehen offenbar keiner Arbeit nach.
15 Jahre 16 Personen
16 Jahre 8 Personen
17 Jahre 5 Personen
18 Jahre 6 Personen
19 – 46 Jahre 44 Personen
Der Schulbesuch dauerte in der Regel 8 bis 10 Jahre und endete mit der Konfirmation meist im Alter von 14 Jahren. Da in der Stadt 44 Lehrlinge im Alter von 14 bis 19 Jahren und 90 Gesellen im Alter ab 17 Jahren eingestellt waren, ist davon auszugehen, dass die 79 Söhne keine Ausbildung erhielten sondern von vorn herein als Hilfe im elterlichen Haushalt, der Wirtschaft bzw. im Handwerksbetrieb eingeplant waren. Bei Ackerbürgern wurde dann gar kein Beruf angegeben. Beispiel dafür ist der Weber und Ackerbürger Gottfried Lobbes, mit seinen beiden Söhnen Gottfried (34 Jahre) und Gottlob (30 Jahre).