Fastnacht und Zempern in Niemegk vor 500 Jahren

Niemegk Im Jahre 1508 erkrankt die Ehefrau des Rule von Oppen in Niemegk. Sie wendet sich daher an Marcus Schuttze einen Arzt in Zerbst. Er behandelt sie in Niemegk, verabreicht ihr Arzneien, kann ihr aber letztlich nicht helfen, sonden leiht sich immer wieder Geld von ihr und zahlt es nicht zurück. Deshalb schreibt sie an den Rat in Zerbst: „Die Frau v. Oppen bittet den Rath zu Zerbst um Vermittelung, daß einer ihrer Bürger, der Arzt Meister Markus Schütze), ihr die Vorschüsse und Darlehn abtrage, die sie ihm gegeben, als sie krank gelegen und ihr Ehemann und ihre beiden Söhne bei ihr gewesen.“ Sie schreibt, dass der Arzt ihr „nicht niczlich gewest“ ist, und als sie ihn wegen des Geldes angesprochen habe, da „must ich ym anrichtunghe thun, czwe golden wercz geldes czu ander ercztey.“ Immer wieder habe sich überreden lassen, ihm Geld zu geben, was er dann versoffen hätte: „dun her mit meynen iunckern vnd myt meynen zonen zun byr gynk“. „Vnd do heyßet her alle czeyt vnd da habe ich ym gegeben want czu wastnachtez vnd do sicket her am czembertaghe dy magt czu my vnd lies mych bitten, ich solt yn gelth leyghen auf seyn messer.“ (Und so hat er gebeten alle Zeit, und da habe ich ihm gegeben zu Fastnachten und da schickte er am Zempertage die Magd zu mir und lies mich bitten, ich solt ihr Geld leihen auf sein Messer.)

Das Schreiben von Frau Oppen schildert die damaligen Vorkommnisse relativ ausführlich. Da sie häufig die indirekte Rede verwendet, wird ein guter Einblick in die damaligen sprachlichen Gewohnheiten möglich. Sie verwendet z. B. mehrmals, fast karikaturartig, das heute zum Aussterben verurteilte Wort „dunn“, welches zur Zeit nur noch von einigen älteren Niemegker im Alltag gebraucht wird und dessen Bedeutung unter der Jugend schon nicht mehr allgemein bekannt ist. Das Schreiben zeigt aber auch, welch hohe kulturelle Bedeutung dem „zum Bier gehen“ beigemessen wurde. Ob man zum Bier in den Ratskeller oder in den Gasthof ging, wird nicht mitgeteilt. Am erstaunlichsten ist aber, dass sie von einem „czembertaghe“ spricht. Da sie die Vorkommnisse um Fastnacht (Fastensonntag 12. März 1508) und „sant Peter taghe“ (22. Februar) schildert, kann hier nur der Zampertag gemeint sein. Das Zampern, Zempern oder Zimpern (wendisch: camperowač, zamprowasch) ist ein alter sorbischer Brauch, der noch heute auf den umliegenden Dörfern, in Niemegk bis vor wenigen Jahre völlig unbekannt war. Sie verwendet das Wort so selbstverständlich, dass es auch in Zerbst bekannt sein muss. Das ist um so merkwürdiger, als Eilers 1743 schreibt: „A. 1327 Weil die Wendische Sprache zeithero noch an vielen Orthen des Landes im Schwange gangen; hat Churfürst Rudolph I. weil alles mit Teutscher Obrigkeit besetzet gewesen, und sie an selbiger gleichsam einen Eckel gehabt, solche durch ein ernstlich Mandat gantz und gar verbiethen lassen.“

Der wendische Brauch hatte sich folglich auch in Niemegk bis 1508 gehalten und sich unmerklich ins Deutsche hinübergerettet.

Nun scheint er wieder aufgegriffen zu sein. G. Neubert schrieb im Niemegker Block: „Am Sonnabend, dem 16. Februar, findet in Niemegk das Zinkern statt. Was ist denn das? Der FSV Grün-Weiß Niemegk hat das Zinkern vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Zinkern  in Niemegk ist die Antwort auf das Zimpern in den Dörfern. Das Zinkern findet somit das dritte Mal statt. Treff ist für alle um 11 Uhr an der Hoyer-Tankstelle. Das Foto entstand beim Debüt des Zinkerns in Niemegk, also 2017.“

 

Quellen, Literatur: Stadtarchiv Zerbst, Hist. Archiv, Abt. II, Nr. 50. Aktenkonvolut Niemegk; 1508 Frau von Oppen an Rat von Zerbst. Mülverstedt; Urkundenbuch Oppen, Teil 2; S. 403 ff. Eilers, Johann Christoph; Chronicon Beltizense, Wittenberg 1743, S. 408.